Josef Hader vs. "Randgestalten"
Nöchling… Kenner von Josef
Haders Programm ‘Privat’ werden sich vielleicht erinnern: Der
Kabarettist ist wohl der bekannteste Sohn des niederösterreichischen Dorfs
– und frönte in dem Programm auch einer unerfüllten Liebe zur
Tochter eines Fleischhauers. Mit fleischverarbeitenden Betrieben hat der
Schauspieler zuletzt ja auch in Der
Knochenmann zu tun gehabt. Und auch in dem Indie-Streifen
“Randgestalten” der Filmgruppe Warnblinker, der Ende April auf DVD im Selbstvertrieb erscheinen ist.
Zum Inhalt: In Nöchling gehen die Uhren etwas anders. Hier blüht der Tratsch – und wenn die zwei Dorfpolizisten (Karl Leopold Furtlehner, Gerhard Haubenberger) nicht gerade kiffen, ‘brausen’ sie mit ihrem dreirädrigen ‘Pozilei’-Auto (sic!) durch die Landschaft (wunderbar eingefangen von Kameramann Bernhard Mayr). Doch über der Idylle ziehen sich dunkle Wolken zusammen: Dem ‘Ostamt’, dem längst das P abhanden gekommen ist, droht die Schließung. Die zwei Postbeamten (Gerhard Lindenhofer, Wolfgang Steinacher) ergeben sich dem Suff und geraten mit dem Schwiegersohn des örtlichen Fleischhauers (Josef Hader) in Streit. Am nächsten Tag ist der Mann verschwunden – und die Polizisten, die anscheinend zu viele ‘C.S.I.’-Folgen geschaut haben, beginnen mit ihren folgeschweren, aber nichtsdestotrotz falschen Ermittlungen. Ja, und so etwas wie eine Liebesgeschichte kommt auch vor…
Dem Team von Warnblinker Film rund um Co-Regisseur und
Co-Drehbuchautor Karl Leopold ‘Koatsch’ Furtlehner (im Bild links)
ist mit ‘Randgestalten’ ein äußerst skurriler,
55-minütiger Indie-Streifen gelungen. Geprägt von einer gewissen
Trägheit (bei den Polizisten durch Rauschmittel bedingt, bei den
Postbeamten durch die drohende Kündigung hervorgerufen), beschäftigt
sich der Film auf lakonische Art und Weise mit Themen wie – ganz aktuell
– Postamtsschließung, Tratsch, Gerüchten und
Verdächtigungen. Eine der großen Stärken von
‘Randgestalten’ ist, dass viel nur angedeutet wird, so dass man sich
den Film ruhig öfters ansehen kann. Zu dieser surrealen Trägheit, die
selbst bei einer ‘rasanten’ Verfolgungsjagd zwischen dem
Pozilei-Dreirad und einem Moped demonstrativ zur Schau gestellt wird, passt dann
auch die Musik der bekannten Band Attwenger. ‘Die Zeit auf dem Land
vergeht gleich schnell wie in der Stadt’, rückt ‘Koatsch’
Furtlehner das Bild vom ‘langsamen’ Landleben zurecht: ‘Nur
ist die Reizüberflutung nicht so groß wie in einer Stadt. Deswegen
darf der Film ruhig etwas träge wirken. Land- und Stadtmensch werden den
Film unterschiedlich erleben – und das ist gut so.’
Zur Zusammenarbeit mit Josef Hader als leicht
aufbrausendem Fleischhauer kam es, als im Rahmen der Amateur-Theaterwerkstatt
Nöchling der Kurzfilm ‘Im Arschling viri alias Rückwärts
nach vor’ von Furtlehner und Haubenberger entstand. Bei der
Präsentation fand auch eine Podiumsdiskussion mit Josef Hader und dem
bekannten Sozialforscher Roland Girtler statt. ‘Dem Josef hat unser Film
gefallen und er bot seine Mitarbeit beim nächsten Projekt an’,
erinnert sich Furtlehner. Aber nicht nur als Schauspieler wirkte Josef Hader
mit, auch dramaturgisch unterstützte er das junge Autorentrio
Furtlehner/Haubenberger/Lindenhofer. Bei dem vielbeschäftigten
Kabarettisten geschah das oft durch SMS, mit denen er
verschiedene Vorschläge zum Skript einbrachte.
‘Randgestalten’ lebt vor allem von den vielen Typen-Darstellern. ‘Beim Drehbuchschreiben wurde schon spezifisch an gewisse Personen aus dem Theaterbereich, aber auch an Theater-unbelastete Leute gedacht, die für den Film gut passen würden. Die Rollen wurden also zum Teil schon genau auf die Protagonisten abgestimmt’, erklärt Co-Drehbuchautor und Co-Regisseur Furtlehner die Einbindung von Bekannten in den Film.
Doch wie konnte man so viele Laien-Schauspieler für das Projekt gewinnen? ‘Viele Leute haben nicht die Möglichkeit, beim Film zu landen. Vielleicht erfüllen Indie-Filmer mancher Menschen kleine Träume?’, philosophiert Furtlehner im Interview mit Indie-Stars.de. Außerdem war auch Josef Hader ein zugkräftiges Argument. ‘Einer der Laiendarsteller betonte immer wieder, wie stolz er sei, mit dem Josef an einem Projekt arbeiten zu dürfen’, schmunzelt der Nöchlinger.
Das Produktionsbudget von 7.800 Euro wurde zum Teil aus
Sponsoraktionen von heimischen Unternehmen, zum Teil auch aus der
NÖ-Kulturförderung zusammengebracht. ‘Es darf einem nichts zu
blöd sein, dann kriegt man schon was. Vielleicht ist das ja am Land auch
etwas einfacher’, resümiert Furtlehner. Als Bonus für die
Kulturförderung wurden auch immer wieder schöne Landschaftsbilder in
Szene gesetzt.
Nach der Fertigstellung lief der Kurzfilm in Kinos sowie bei Veranstaltungen von Kulturvereinen in Nieder- und Oberösterreich äußerst erfolgreich. Über 4.000 Personen sahen ‘Randgestalten’ – was für einen Film im kräftezehrenden Selbstvertrieb und ohne Marketing-Budget beachtlich ist.
Eine weitere Zusammenarbeit mit Josef Hader hat sich dann auch noch im Kinospielfilm ‘Der Knochenmann’ ergeben; die Szenen mit Simon Schwarz auf einem Bahnhof fielen jedoch der Schere zum Opfer, so Furtlehner bedauernd. Aber vielleicht findet sich die Szene ja dann im DVD-Bonusmaterial wieder…
Rodja Pavlik
INFO: www.warnblinker-film.at
Sämtliche Fotos mit freundlicher Genehmigung von Warnblinker Film. Der Artikel wurde in leicht abgeänderter Form bereits im celluloid Filmmagazin 03/09 veröffentlicht. Abdruck ebenfalls mit freundlicher Genehmigung.
Aktuelle Beiträge - Backgrounds
(21.08.2010) Schräg: Die 'Neue Massenproduktion' im Interview
(14.07.2010) Strizzis in 3.0
(19.08.2010) Instant News 87 - 19.08.2010
(19.06.2010) Be Bud of it!
(18.06.2010) Fatalis – ein 'Neo-Taxi Driver'
(07.06.2010) Kommentar: 'Filesharer sind Idioten'
(19.04.2010) KOPFSACHE ist der 100ste Film auf Indie-Stars.de
(22.06.2010) Instant News 86 - 22.06.2010
(19.02.2010) Instant News 85 - 19.02.2010
(06.02.2010) Urhebervergütung auf dem Vormarsch
(08.02.2010) Film: Night Of The Vampire Hunter
(30.12.2009) Instant News 84 - 30.12.2009
(21.12.2009) Extreme Bilder
(12.11.2009) Mit Bomben und Granaten
(13.11.2009) Instant News 83 - 13.11.2009
(03.11.2009) Für Filmschaffende: Die Krankengeldreform
(02.11.2009) Scenic Artists - Der Unterschied zwischen Sein und Schein
(19.10.2009) Film: Cut Character - Tödliche Trennung
(08.10.2009) Instant News 82 - 08.10.2009
(27.09.2009) Arbeitslosengeld & Filmbranche
(18.12.2009) Auch 'Auf bösem Boden' gedeiht die Saat

