Auch 'Auf bösem Boden' gedeiht die Saat
Als 2007 auf dem Grazer Filmfestival Diagonale Peter
Kollers schwarze Komödie mit Slasher-Einlagen Auf bösem Boden gezeigt wurde,
hofften Fans, dass der Indie-Film aus Niederösterreich kurz darauf auch
einen offiziellen Kinostart hinlegen würde. Es kam nur nie dazu. Irgendwie
traute man diesem “bösen Scherzkeks” (O-Ton Koller), der auf
internationalen Festivals sogar Preise einheimste, nicht zu, an den
österreichischen Kinokassen zu brillieren.
Dass “Auf bösem Boden” dann doch noch eine Veröffentlichung erfuhr, verdankt Kollers Werk dark shadow films , einem Independent-Sub-Label des renommierten Polyfilm-Verleihs , der den Film zu Halloween 2008 auf einer aufwendigen Doppel-DVD (inkl. Booklet, Making Of und dem Kurzfilm “Skrypt”) in einer 3.000er-Auflage herausbrachte. Obwohl kaum Geld in die Werbung gesteckt wurde, war die erste Auflage rasch ausverkauft, so dass eine zweite Tranche à 1.000 Stück nachproduziert werden musste. Im Interview mit Indie-Stars.de erzählt Peter Koller von seinem Weg vom Nicht-Filmschüler zu einem der heißesten “Kick-Ass-Regisseure” Österreichs.
Bis 2007 hat Peter Koller noch bei der AUA – den Austrian Airlines – beim Bodenpersonal gearbeitet, wo er auch Aleksandar Petrovic kennenlernte, der in seinen Filmen “Skrypt” und “Auf bösem Boden” mitspielte. Zusätzlich hat Koller auch einen Mag. (FH) in den Fachgebieten Immobilienmanagement und Vermögens- und Finanzberatung. “Man braucht ja einen Plan B, falls das mit der Filmerei in die Hosen geht”, so Koller schmunzelnd im Interview.
Inhalt: Romeo (Aleksandar Petrovic) und Julia ( Birgit Stauber ) sind ein
Liebespärchen, wie es nicht im Buche steht. Er latent gewalttätig, sie
extrem masochistisch. Und doch wollen sie eine gemeinsame Wohnung. Julia
gefällt ein Loft in einer verfallenen Fabrik, Romeo eher nicht. Und der
schmierige Makler (Faris Endris Rahoma) gefällt ihm sogar noch weniger. Bei
der Geldübergabe kommt es zur Eskalation und Romeo tötet ihn. Doch was
tun mit der Leiche? Fein, dass man gerade die Fabrik gekauft hat, da lässt
sich der Tote sicher leicht im Innenhof vergraben. Was Romeo und Julia nicht
ahnen: Der Makler und der Hausbesitzer (Kari Rakkola) sind verrückte
Serienkiller, die eigentlich das Liebespaar in die Falle locken wollten. Ein
paar Gewehrhiebe später steckt Romeo sprichwörtlich mit dem Hals in
Problemen. Die Grube, die er für die Leiche gegraben hat, wird ihm selbst
zum Gefängnis. Allerdings hat der wahnsinnige Hausbesitzer nicht damit
gerechnet, dass sein Gefangener ein ebenso wahnsinniges Autoritätsproblem
hat. Und während Julia im Auto angsterfüllt zur Rettung ihres Liebsten
rast, plaudert, lockt und provoziert Romeo seinen Peiniger auf Teufel komm raus.
Da nützen auch weitere Hiebe nichts, um den renitenten Gefangenen zur
Räson zu bringen…
Videothek, Kino und Amazon.com
“Dass ich Filme drehen werde, habe ich schon mit 12, 13 Jahren gewusst. Das war irgendwie immer fix für mich.” Den Weg zum Regisseur begann Koller als ganz normaler Filmfreak: Mit zehn Jahren “Star Wars”, danach so ziemlich alles von Steven Spielberg und George Lucas. Und von dort weiter zu David Cronenberg, George A. Romero und Dario Argento – “also den Kram, den man so entdeckt, wenn man ein wenig weiter gräbt und – wie ich – eine Vorliebe für das Drastische hat”, erinnert sich der 35-jährige Filmemacher aus Brunn am Gebirge. Auch einen Faible für Tex Avery, dem genialen “Vater” von Bugs Bunny & Co. möchte er nicht abstreiten. Was denn auch die überzeichnete Gewalt und die absurden Verfolgungsjagden in “Auf bösem Boden” belegen. Und auch Kollers neueste Produktion, auf die noch später eingegangen wird, trägt diese Comic-hafte Handschrift.
Mit 18 bewarb sich Koller halbherzig, weil von seiner
Mutter gebeten, es doch ordentlich zu lernen, wenn er das schon machen
möchte, an der Filmakademie in Wien. Doch von dort kam nicht einmal eine
Antwort auf seinen Bewerbungsfilm. Also bildete sich der Niederösterreicher
auf seine Art fort: “Meine Filmschule war die Videothek, das Kino und
Amazon.com, wo ich über die Jahre immer wieder Filmbücher bestellt
habe”, zählt der Filmemacher seine “Ausbildung” auf. Erst
2002 wagte er sich wieder ans Filmen. Mit “Arafat vs. Sharon” drehte
er eine kurzweilige Politsatire, die ihm einige Kontakte erschloss. 2005 folgte
dann “Skrypt”. Der Lynch-mäßige Kurzfilm öffnete so
manche Türen – auch jene zu Franz Novotny von der Filmproduktion Novotny & Novotny . Für Novotny
ist Peter Koller ein “Verrückter. Aber im positiven Sinn.”
Das Budget von “Auf bösem Boden” schätzt Koller auf insgesamt 60.000 Euro, wobei etwaige Rückstellungsverträge noch nicht berücksichtigt sind. Die Hälfte des Geldes hat der Regisseur selbst aufgebracht. Koller: “Ich habe eine Menge Bier und Zigaretten NICHT getrunken und geraucht. Da kommt über die Jahre genug Geld zusammen, für das man einen Film drehen kann.” Eigentlich wär’s das auch gewesen, aber Faris Endris Rahoma, Regieassistent, Schauspieler und vieles mehr in Personalunion, überredete Koller, das Drehbuch an österreichische Produktionsfirmen zu senden, “weil mehr Geld ja nie schaden könne”. “Dem Franz Novotny hat das Buch gefallen – und meinen Hintergrund als Fluglinienangestellter am unteren Ende der Karriereleiter, der einen Film drehen will, hat er irgendwie bizarr faszinierend gefunden”, erzählt Koller. Aber zuerst wollte er auch noch einen Film von Koller sehen. Vollmundig versprach der Niederösterreicher, “Skrypt” vorbeizubringen – der zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht vollendet war. Buchstäblich in letzter Sekunde konnte Koller den Kurzfilm fertig stellen, auf DVD brennen und Novotny vorbei bringen. Der war begeistert – und trieb weitere 30.000 Euro Förderung vom Land Niederösterreich auf.
Bewusst wurde in “Auf bösem Boden” auf
identitätsstiftende Merkmale wie den österreichischen Prolo-Charme
oder Klischee-Schauplätze verzichtet. Und es ist sehr, sehr heiß im
Film. Flirrende Hitze, verschwitzte Gestalten – ein Hauch von
“Spaghettiwestern” hängt in der Luft. “Was ich dem Film
hierzulande wirklich ankreide, ist eine visuelle und inszenatorische Langeweile
im unantastbaren Gewand der sogenannten Filmkunst und der Umstand, dass in einem
österreichischen Film diese nationale Identität, oder wie auch immer
man den Einsatz von lokalen Dialekten oder klassischen
Klischee-Schauplätzen wie den Alpen oder Wien nennen mag, im Vordergrund
steht. Da schaltet sich bei mir der Kapitalist ein: Drehe ich so einen Film,
dann endet der Markt dafür an unserer Landesgrenze. Auf der Welt leben aber
sechs Milliarden Menschen und ich soll meine Filme nur für acht Millionen
Österreicher drehen, weil sie außerhalb keiner verstehen kann? Nein,
wirklich nicht!”, lacht Koller. “Meine bisherigen Filme spielen
nicht in Österreich, die spielen überall und nirgendwo zugleich, sind
auf keinen Ort und keine Nationalität festnagelbar.”
Scheiße schaufeln ist kein Honigschlecken
Gedreht wurde in Niederösterreich, größtenteils auf dem Gelände einer von Tauben bevölkerten und zugeschissenen Fabriksruine, die Peter Kollers Großvater vor Jahrzehnten aus einer Konkursmasse erstanden hat. Bevor die erste Klappe fiel, musste der ganze Kot mit Schaufeln entfernt werden – und das mit Schutzmasken. “Wir haben im Sommer gedreht – und das ganze Zeug hat gestunken und war hochgiftig. Das war kein Honigschlecken”, erinnert sich Koller schmunzelnd. Sogar ein professioneller Tauben-Jäger wurde engagiert. Das Gros der aus Österreich und Deutschland stammenden Crew übernachtete auch unter freiem Himmel am Drehort. Gedreht wurde auf mini-DV mit einem mini35-Adapter von P&S Technik “und einem göttlichen Kameramann namens Marcus Stotz “, so Koller (Anm.: Stotz war Kameramann u.a. bei “Kampfansage – Der letzte Schüler”, “Kopf oder Zahl” und “Post Mortem”).
Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären: Wie
gelang es dem Niederösterreicher für eine relativ kleine
Indie-Produktion eine so große und internationale Crew zu bekommen? Die
Antwort ist simpel: Durch das Internet in Form der Filmer-Plattform www.hackermovies.com .
“Grundsätzlich: Ohne das Internet gäbe es keinen meiner Filme in
der Form, in der sie jetzt existieren”, gesteht Koller. “Anfangs
sind solche Communities sehr wichtig, gerade, wenn man erst anfängt und ein
gewaltiges Informationsdefizit vor allem im technischen Bereich hat. Das war
zumindest bei mir so der Fall”, so der 35-Jährige. Doch der
aufstrebende Filmemacher lernte sehr schnell dazu: “Als Informationsquelle
sind diese Foren mit der Zeit nur bedingt brauchbar. Je länger man sich
mit dem Filmen beschäftigt, desto weniger ist man darauf angewiesen, weil
man mit wachsender Erfahrung präziser, gezielter und schneller
Informationen finden kann. Geht es allerdings darum, Mitarbeiter zu finden, sind
diese Communities ungleich wertvoller, versammeln sich doch dort Menschen mit
den gleichen Interessen. Bei mir war es so, dass unser VFX-Supervisor Peter Hacker und der Filmkomponist Stefan
Kusch über Hackermovies.com zu ‘Skrypt’ dazugestoßen sind
– und eben auch bei ‘Auf bösem Boden’ mit dabei
waren.” Auch beim aktuellen Projekt, an dem Peter Koller gerade werkt,
sind bereits einige der Hackermovieaner involviert.
Obwohl es “Auf bösem Boden” (von Fans auch ABB tituliert) nicht in die Kinos geschafft hat, ist Peter Koller mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. Finanziell springt für den Niederösterreicher nichts heraus. “Um schnelles Geld zu machen, gibt es bessere und risikoärmere Jobs, aber um das geht es ja nicht nur. Ich betrachte den Film als meine Eintrittskarte ins Filmgeschäft, als die Startinvestition, die sich später mit Folgeprojekten finanziell rechnen wird.” In der Zwischenzeit hat Koller seinen Job bei der AUA gekündigt, seine eigene Produktionsfirma KOP ELEVEN etabliert, Drehbücher geschrieben und Projekte eingereicht.
Tatsächlich hat “Auf bösem Boden” einige Türen
geöffnet: So werkt Koller – unterstützt von Contessina Bauer und
Thomas Strasser von Eidolon Entertainment
fleißig an seinem neuesten Projekt “Untitled Lovestory”,
für das schon eine Projektförderung von rund 65.000 Euro gewährt
wurde. Zur Zeit arbeitet Koller an einer Previs des Films (Anm.:
Previsualization – Grobe 3D-Animationen, um den Film präzise zu
budgetieren. Hilft, viel Geld und Zeit zu sparen, da man den Film schon vor der
Herstellung komplett sehen, Fehler korrigieren und Dinge verbessern kann, bevor
man noch den ersten Take dreht). Herauskommen soll eine Mischung aus “Die
fabelhafte Welt der Amelie” und “From Dusk Till Dawn” mit
jeder Menge brennender Babys und Tentakelmonstern. “Also eine richtig
zuckersüße Liebesgeschichte mit tonnenweiser gestörter Action.
Und auch gemeinsam mit Franz Novotny könnte 2010 noch eine
Überraschung kommen”, so Koller abschließend
augenzwinkernd.
INFO: www.kop11.com ; www.aufboesemboden.com
Autor: Rodja Pavlik
Screenshots Film Auf bösem Boden: KOP ELEVEN – mit freundlicher Genehmigung
Setfotos: Peter Hacker / KOP ELEVEN – mit
freundlicher Genehmigung
Illustration Untitled Lovestory: KOP ELEVEN – mit freundlicher Genehmigung
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