2.11.2009 / 18:00 · rel="superbox[iframe.feedback][500x450]">Artikel weiterempfehlen

Scenic Artists - Der Unterschied zwischen Sein und Schein

Obwohl sie schon sehr lange im Geschäft sind, findet man ihre Namen kaum im Nachspann: Die Scenic Artists Seiz & Seiz geben dem Film erst das richtige Umfeld.

(Foto: ORF / Wolfgang Fuhrmann) Die Mumie liegt da, als wären Jahrhunderte vergangen. Die Zähne sind verfault, und unter der pergamentierten und tätowierten Haut kann man die Knochen erahnen. In den Katakomben ringsum liegen wertvolle Grabbeigaben, halb zugedeckt von Schutt und Staub. Nichts – aber auch gar nichts – deutet darauf hin, dass die “Leiche” und ihre Grabbeigaben nur einige Stunden vorher hingelegt wurde und dem einzigen Zweck dienen, dass Tobias Moretti und Katja Weitzenböck in der ORF-Pro7-Koproduktion “Das Tattoo – Tödliche Zeichen” über sie stolpern.

Seit fast 30 Jahren beschäftigten sich Renate und Christof Seiz mit der perfekten Illusion im Film. Die Eheleute sind so genannte Scenic Artists – ein amerikanisch-geprägter Berufsbegriff, den man mit Maler bzw. künstlerischem Bildhauer übersetzen kann. Hinter dieser schwammigen Bezeichnung verbirgt sich ein noch schwammigeres Berufsbild. Irgendwie hat der Job mit Requisite zu tun – geht aber weit über das Bereitstellen von Garderobe und Utensilien hinaus. Angefangen vom Staub in der Fernsehwerbung, der wirklich “mit einem Wisch” verschwindet, Modellbauten, über Werbe-Dummies bis hin zu Mumien, den oben zitierten Katakomben und Glass-Shots – den Tätigkeitsbereich eines Scenic Artists kann man nicht wirklich eingrenzen.

Das Spektrum ist groß, die Möglichkeiten noch größer. Auftraggeber von Seiz & Seiz findet man hauptsächlich in den Bereichen Fernsehen, Film und Werbung – aber auch das Naturhistorische Museum in Wien sicherte sich die Dienste der beiden Künstler aus Ottakring für Vitrinengestaltung und Terrarienbemalung. Das sei eben auch das Tolle an ihrem Job, meint Renate Seiz: “Man macht nur selten zwei Mal die gleiche Arbeit.” Zu den interessantesten ihrer Arbeiten zählen Seiz & Seiz u.a. “Wohin und zurück”, “Eine blaßblaue Frauenschrift” (beide von Axel Corti), den bereits erwähnten TV-Thriller “Das Tattoo – Tödliche Zeichen” von Curt M. Faudon, “Schlafes Bruder” von Joseph Vilsmaier und “Gripsholm” von Xavier Koller.

Früher wurden Seiz & Seiz per Gage für den ganzen Film engagiert. Es wurden aufwendigere historische und komplexere Filme gedreht. Heute kommen die Kunden mit eher spezielleren, kleineren Aufträgen zu ihnen. So wirkt das Ehepaar oft in drei bis vier Filmen gleichzeitig mit.

Learning by doing… und Cortis Mundpropaganda

Gelernt haben die beiden Künstler ihren Job durch “learning by doing”. Renate Seiz studierte Kunst und arbeitete als Designerin und Kunstmalerin, bevor sie und ihr Mann der Ruf zum Film ereilte. Ein Bekannter vermittelte ihnen einen Auftrag über zeitgemäße Straßenschilder für Axel Corti. Der 1993 verstorbene österreichische Regisseur war mit den Arbeiten so zufrieden, dass er die beiden Maler zu immer mehr Projekten hinzuzog. “Ab da fragte er immer: ‘Können Sie das auch?’ – Und wir haben halt immer brav ‘Ja’ gesagt“, erinnert sich Renate Seiz. “Dabei haben wir damals keine Ahnung gehabt, wie das geht”, wirft Christof Seiz schmunzelnd ein. Nach der Lektüre einschlägiger Fachbücher machte sich das Ehepaar schließlich ans Werk – stets zur Zufriedenheit des als Perfektionisten bekannten Regisseurs. Cortis Mundpropaganda verdanken sie es auch, dass sie in der Filmszene bekannt wurden und immer häufiger Aufträge bekamen, ist Frau Seiz überzeugt.

Eine der Seiz’schen Spezialitäten ist der so genannte Glass Shot – grob gesagt ein einfaches Übermalen von störenden Details auf einer Glasplatte. So würde auf einer Wiese im 17. Jahrhundert ein Einfamilienhaus mit Wintergarten doch etwas stören – andererseits kann mittels Pinsel und einer entsprechenden Röhrenkonstruktion auch ein funktionierender Springbrunnen in einen Klostergarten “gezaubert” werden. Die Effektivität dieser alten Filmtechnik ist nicht zu unterschätzen – die Methode ist verblüffend simpel, billig in der Herstellung und benötigt nur einige Stunden Vorbereitung vor Ort: Nachdem die Kamera fixiert wurde, wird die Glaswand zwei Meter vor das Objektiv gestellt. Während ein Künstler mit Öl das besagte Einfamilienhaus hinter dem Glas zu einem Fleck Wiese übermalt, weist ihn der andere von der Kameraseite her ein. Genauigkeit ist dabei ein Muss, schließlich geht es um Millimeter! Auch die aktuelle Wettersituation und das Licht müssen dabei berücksichtigt werden. Wenn Kameramänner den beiden Künstlern bei der Arbeit zuschauen, verstehen sie oft gar nicht, was da genau gemacht wird. “Das sind grobe Kleckse von verschwommenen Öl auf einer Glasplatte. Was soll das denn darstellen?”, fragen sie dann manchmal. Doch wenn sie dann durch den Sucher ihrer Kamera sehen, hat sich das Set vor ihren Augen von z.B. einer Sommerwiese in eine mit Schneeflecken bedeckte Wiese verwandelt. Und die für den Film störenden Häuser der Stadt sind einfach verschwunden…

Wie bereits erwähnt, kann der Glass Shot auch für komplexe Arbeiten herangezogen werden – als z.B. in Joseph Vilsmaiers Schlafes Bruder ein Feuer ein ganzes Dorf verwüstet, wurden die meisten real existierenden Häuser in der Totalansicht mittels eines solchen Ölgemäldes auf Glas als Brandruinen “abgedeckt”.

“Wir haben uns ein System entwickelt, wo wir zwischen drei und fünf Stunden drehfertig sind. Wenn das Wetter in der Früh nicht danach ist, fangen wir gar nicht an. Sonst wird das Glasgemälde immer einen Tag vorher gemalt. Wenn man aber Pech hat, ist am nächsten Tag Regen. Wir richten es so ein, dass wir sehr zeitig in der Früh am gleichen Tag noch anfangen – und dann am späten Vormittag schauen, dass wir mit der Malerei fertig sind, dann auf das Licht warten, denn ohne Licht geht es nicht – und dann mit dem Licht die Farben auf der Glasplatte dem Hintergrund angleichen”, erklärt das Ehepaar ihre Arbeitsweise. Das Wichtigste ist Pünktlichkeit und die Erfüllung der Deadline der Fertigstellung. Zwei Minunten zu spät – und schon interessiert es niemanden mehr.”

Die Hauptschwierigkeiten sind Wetter und Licht. Glass Shots sind am besten zu Mittag zu filmen, wenn die Sonne am Zenit steht und es keine Unwetter wie Regen, Gewitter oder Schneefälle gibt. Nach Süden einen Glass Shot zu drehen ist wegen des starken Gegenlichts besonders schwierig.

Exkurs: Eine Methode, die immer wieder im gleichen Atemzug wie der Glass Shot erwähnt wird, ist das wesentlich aufwendigere Matte Painting.

Bei dieser Technik ergänzt der Künstler die während des Drehs durch Green Screen oder Blue Screen “frei gelassenen” Bildteile mit seinem extra im Studio gemalten Gemälde. Eine Green Screen verwendet eine spezielle Farbe, die z.B. Objekte, die nicht im Film vorkommen sollen, abdeckt. Sie ist eine Hilfe, eine Art Farbcode. So kann später im Kopierwerk diese Farbe bei der Belichtung “ignoriert” werden, Masken erstellt werden und z.B. das Matte Painting an diesen freien Stellen exakt eingepasst werden. Mittlerweile ist es schon eher die Rege, den Computer für diese Arbeit einzusetzen. In Compositing-Programmen werden die verschiedene Ebenen aus gemaltem Hintergrund, Partikeleffekte (Rauch, Dunst, Nebel, etc.) sowie der eigentlichen Filmaufnahme zusammengefügt und in ihren Farbstimmungen, Sättigungen und sonstigen Attributen abgestimmt.

Doch nun zurück zum “ursprünglicheren” Matte Painting: Gelten für Glass Shots ausschließlich Ölfarben als Materialien, so hat der Matte Painter verschiedenste Materialien zur Auswahl. So wird für Matte Paintings, die man z. B. aus Filmen wie “Star Wars” kennt, auch Airbrush eingesetzt, das dem Painting ein metallisch-glattes Aussehen verleihen kann und “scharfe” Vordergründe mit metallischen Strukturen schafft. Für Glass Shots wäre diese Arbeitsweise undenkbar. “Die Airbrush Technik ist zu genau. Bei Glass Shots muss man die ‘Unschärfe’ malen und an den Hintergrund angleichen. Airbrush ist hierbei viel zu clean”, erklärt Renate Seiz.

Die Herstellung eines Glass Shot wirkt in der heutigen Zeit, in der Special Effects mit Vorliebe am Computer hergestellt werden, antiquiert. Doch sehen Seiz & Seiz in der neuen Technologie keine wirkliche Konkurrenz – dafür ist ihr Tätigkeitsfeld zu verschieden. Und selbst Glass Shots haben gegenüber computeranimierten Effekten nicht von der Hand zu weisende Vorteile: Sie sind billiger und wirken realistischer. Mit Grafikprogrammen erstellte Objekte haben keine Kanten, keine Fasson, eine zu weiche Oberfläche – es ist einfach “zu rundgelutscht”, ist sich Renate Seiz sicher.

PS: Hier noch ein Beispielvideo, in dem ein Glass Shot erklärt wird – ab ca. 01:35 wird’s dann interessant. The Glass shot in Soldier Jack von US-Indie-Regisseur Tom Davenport .

Autoren: Rodja Pavlik / Markus Schinnerl
Foto: ORF / Wolfgang Fuhrmann – mit freundlicher Genehmigung
Illustration: Glass Shot von Markus Schinnerl
Illustration: Matte Painting von Wikiwikiyarou. Entnommen von Commons.Wikimedia.org . This file is licensed under the Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 .


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