Extreme Bilder
Man hat diese atemberaubenden Bilder oft genug gesehen – entweder in den Nachrichten, auf YouTube oder im Kinofilm: Aber wenn die norwegische Base-Juperin Karina Hollekim sich in Mali von der Felsformation “Fatimas Hand” in die Tiefe stürzt oder der Vorarlberger Extremkletterer Beat Kammerlander einen Eiswasserfall bezwingt, dann muss jemand sein Leben riskieren, um den Aufnahmeknopf der Kamera zu betätigen. Indie-Stars.de sprach mit Matthias Aberer und Günther Göberl, zwei Kameramänner, die sich auf Extremsportarten spezialisiert haben.
Männer für den Augenblick
Günther Göberl (34) und Matthias Aberer (26) sind Männer für besondere Momente. Die beiden Alpinisten fangen Augenblicke ein, die sich nur schwer wiederholen lassen. Egal, ob Extremklettern, Base-Jumping, Höhlenklettern oder Snowboarding – sie filmen Situationen, die sich kaum an Regieanweisungen halten. Göberl (“Beat Kammerlander – Ein Leben in der Vertikalen”, “Mount St. Elias”) begleitete z.B. Felix Baumgartner 2006 nach Taiwan, wo sich der österreichische Extremsportler vom damals höchsten Gebäude der Welt, dem Taipeh 101 Tower, 509 Meter in die Tiefe stürzte.
Göberls Berufsweg mutet fast ein bisschen ironisch an, denn zu Beginn seiner Karriere litt er unter schrecklicher Höhenangst. Der gelernte Werkzeugmacher war schon in seiner Jugend sehr sportlich, aber eher im Bereich Mountainbiken und Snowboarden. Über Umwege landete der Oberösterreicher schließlich beim Film, wo er anfangs Stunts koordinierte. Schließlich wurde er Kameraassistent. Mit dem Bergsteigen fing er eigentlich nur deswegen an, um berufswegen seine Höhenangst zu kurieren – mittlerweile ist er ein begeisterter Alpinist mit 5.000er-Erfahrung.
Matthias Aberer (26) wiederum wurde schon in seiner
frühesten Kindheit von den Eltern in die Berge mitgenommen. So richtig
Spaß machte es aber erst, als er mit 18 Jahren mit Gleichaltrigen zu
klettern begann. Da begann der Steirer auch mit Bergfotografie zu
experimentieren. Ende 2007 schloss Aberer sein Soziologiestudium ab. Bevor er
aber einen klassischen Soziologenjob hinter einem Computer und
Büchertürmen annahm, wollte er sich noch ein halbes Jahr nur dem
Bergsport widmen. Zu diesem Zeitpunkt planten ein paar Freunde die
Low-Budget-Dokumentation “Speedraid” und wollten Aberer dafür
als Kameramann – für ihn bedeutete das das erste Mal mit einer Kamera
zu arbeiten. Das war im März 2008, seitdem arbeitete der Steirer auch beim
Filmfestival Diagonale und beim
internationalen Berg- &
Abenteuer Filmfestival in Graz. Über letztere Tätigkeit kam er
auch dazu, 2008 bei der ORF-Dokumentation “Rober
Schauer – Gipfelstürmer und Bergfilmer” zu assistierten und
2009 als Kameramann für den ORF-Film “Der
Dachstein” zu arbeiten – eine Dokumentation von Gernot Lercher rund
um das Jubiläum der Durchsteigung der Dachstein Südwand der
Steiner-Brüder im Jahr 1909.
Kameramann in Eigenregie
Obwohl es bei den Projekten einen Regisseur gibt, kann dieser meist aus technischen und/oder Sicherheitsgründen nicht mitkommen. In einem Briefing erfahren Göberl und Aberer, worauf sie achten sollen, welche Situationen oder Konflikte für den Filmemacher interessant sind. Letztendlich arbeiten aber die Kameramänner so gut wie eigenständig, denn sie müssen auf die Situation vor Ort reagieren. Wichtig ist dabei vor allem die Kommunikation mit den Protagonisten. “Wenn ich einen Speedride (Anm.: Kombination aus Skifahren und Gleitschirmfliegen) am Berg mitfilmen will, dann kann man die ungefähre Linie im Vorhinein absprechen”, so Aberer. “Man muss von vornherein auch den Darstellern klarmachen, welche Bilder man gerne hätte. Koordination, Einbeziehung des Wetterberichts, Überlegung diverser Worst-Case-Szenarien und gute Absprache sind da extrem wichtig. Dementsprechend muss man einen ungefähren Zeitplan zurechtlegen und den an das Geschehen am Berg anpassen. Als Kameramann ist man da oft hinterher. Vor allem deswegen, weil ein Alpinist vor der Kamera sich nicht immer primär als Schauspieler fühlt, ja, gar nicht fühlen darf: Primär muss er ja immer an sein Tun am Berg denken.”
Obwohl – wie gesagt – es für viele Szenen kein zweites Mal gibt, gibt es einige kleine Tricks. So kann man immer kurze Zwischenschnittsequenzen auf sicherem Terrain drehen, erklärt Aberer. Unter anderem natürlich Close-Ups auf Hände und Material oder auch kurze Actionsequenzen, bei denen man im Hintergrund die Gegend nicht gleich ausmachen kann. Außerdem eigenen sich schöne Naturaufnahmen wie Zeitraffer von Wolken oder schöne Panoramen gut, um die Szenerie einzufangen und gleichzeitig das Archiv für Gegenschnitte und Übergänge zu füllen.
Equipment
Kameras müssen in Extremsituationen am Berg einiges aushalten. Auf der anderen Seite muss man auch abwägen, welches Equipment man überhaupt mitnimmt. Viel Ausrüstung und eine große Kamera versprechen schönere Bilder. Allerdings ist ein Camcorder am Berg leichter zu handhaben und schränkt den Kameramann bewegungstechnisch nicht so sehr ein. Ein aufwändiger Filmprozess kann in einer alpinen Situation durchaus ein Problem werden, erzählt Aberer. Wenn es geht, nimmt er noch ein leichtes Stativ oder ein Einbein mit, um halbwegs Stabilität zu schaffen. Bevor Aberer in eine Wand einsteigt, klebt er noch alle Schalter und Knöpfe auf der Kamera, die er nicht braucht, mit Tapeziererband ab, um zu verhindern, dass sich beim ständigen Ein- und Auspacken etwas verstellt. Ein Problem ist auch die Kälte – vor allem für die Akkus. “Man sollte die Akkus immer nah am Körper tragen, da die Leistung bei Kälte oft rapide abnimmt”, so der Grazer.
Günther Göberl arbeitet gerne mit einer HD-Kamera. Natürlich kommt es auch darauf an, welche Anforderungen der Kunde stellt, so der Oberösterreicher. Er und der Schweizer Fotograf Rainer Eder filmten und unterstützten Karina Hollekim bei der Besteigung der Felsformation “Fatimas Hand“. Auftragsgemäß musste Göberl mit einer 16mm-Kamera arbeiten – kein leichter Brocken. “Das Gfrast allein wiegt schon so seine zehn Kilo”, schmunzelt Göberl. Da die Filmkamera keine Tonaufnahmemöglichkeit besaß, musste er zusätzlich noch eine HD-Kamera für den Ton mitnehmen. Während Hollekim quasi mit nichts kletterte, hatte Göberl an die 25 Kilogramm Gepäck die senkrechte Wand hinaufzuschleppen.
Klettern ja, Springen nein
Nachdem die Base-Jumperin dann gesprungen war, packte Göberl seine Sachen ein und kletterte wieder runter. Das Springen überlässt der 34-Jährige lieber anderen, denn: “Für mich kommt Base-Jumping nur in Kombination mit Klettern in Frage. Bei großen Wänden bist du am Gipfel ziemlich erschöpft. Das heißt, du springst zu 70, 80 Prozent runter, egal, ob die Bedingungen gut oder schlecht sind.” Einen Sprung dann aus “Bequemlichkeit” zu machen, nein, das wäre zu gefährlich. Und um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, hat Göberl deswegen auch nie Base-Jumpen gelernt.
Dabei arbeitet der Alpinist seit Jahren schon mit Felix
Baumgartner, einem wahren “Base-Jump-Meister”, zusammen – auch
bei dessen illegalem Sprung vom Taipeh 101 Tower im Dezember 2007. Göberl
war sogar der Mann, der Baumgartner auf die Aussichtsplattform mit einer kleinen
HDV-Consumer-Kamera, getarnt als Tourist, begleitete.
Doch bevor es soweit war, musste noch einiges getan werden: Die
Wetterbedingungen mussten ständig überprüft werden, die
Kamerapositionen festgelegt werden – und die Sicherheitsvorkehrungen
ausgespäht werden. Natürlich möglichst unauffällig, denn das
Security-Personal sollte möglichst keinen Verdacht schöpfen, wenn sich
ein Tourist mit Kamera öfters als gewohnt im Tower aufhielt. Endlich, am
siebenten Tag ihres Aufenthalts in Taiwan, passten die Bedingungen: Auf der
Aussichtsplattform holte Baumgartner den unter einem Poncho versteckten
Fallschirm hervor, überwand den Sicherheitszaun und sprang. Während
der Extremsportler nach Sekunden freien Falls wieder festen Boden unter den
Füßen hatte und Reißaus nahm, musste Göberl oben auf der
Plattform sich erst so schnell und so unauffällig wie möglich am
herbeieilenden Wachpersonal vorbeischummeln.
Bei einem Base-Jump (Anm.: Eigentlich B.A.S.E.-Jump
– steht für Buildings [Gebäude], Antennas [Fernsehtürme],
Spans [Brücken] und Earth [Berge]) sind mindestens drei Kamerateams dabei,
bei Baumgartner sind es sechs bis acht Stativpositionen rund um das Objekt,
zählt Göberl auf. Zusätzlich kommt noch ein Kameramann, der
Baumgartner bis zum Absprung begleitet, und einer, der die abschließende
Flucht filmt. Nicht zu vergessen: Auch Baumgartner selbst ist mit einer Kamera
ausgestattet. Im Interview lässt Göberl unverhohlen Bewunderung
für den Extremsportler anklingen. Göberl: “Das, was Felix sich
selbst abverlangt, verlangt er auch von uns. Er bereitet sich sehr akribisch
vor, fast militärisch, möchte ich sagen.” Ständig
konzentriert, spult Baumgartner sein Programm ab. Da schütten auch die
Kameraleute Adrenalin aus, denn sie haben nur eine einzige Chance auf eine
Aufnahme, ein zweiter Take ist ausgeschlossen. “Aber das funktioniert
auch. Als Kameramann bist du genau so konzentriert wie Felix.”
Etwas Gutes hat es auf jeden Fall für Günther Göberl, nicht so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen wie Felix Baumgartner. Während Baumgartner als persona non grata ein Einreiseverbot für Taiwan bekommen hat, kam Göberl ungeschoren davon: “Zumindest hat sich bis jetzt niemand Offizielles aus Taiwan gemeldet”, meint Göberl augenzwinkernd.
Das Publikum
Matthias Aberers wohl persönlichstes Projekt ist
die Sportdokumentation Speedraid (Regie:
Gero Dennig), bei der er die Grazer Alpinisten Paul Kupsa und Paul Guschelbauer
begleitete, wie sie den Hauptalpenkamm vom Hochschwab bis zum Mont Blanc als
Speedrider überquerten. Der Low-Budget-Film mit grob geschätzt 50.000
Euro Produktionskosten wurde nach einem eher losen Konzept gedreht.
Abhängig von den jeweiligen Wetterbedingungen konnten die “beiden
Pauls” ihre Besteigungen durchführen und – neben Helmkamera der
beiden Speedrider und Aberers Kamera – zusätzlich auch noch von einer
dritten Warte aus gefilmt werden. So entstanden 33 Stunden Rohmaterial, die Gero
Dennig dann in intensivster Detailarbeit zu einer 50-minütigen
Extremsportdoku verarbeitet hat.
Doch an wen richten sich solche Filme? Interessiert sich “nur” eine eingeschworene Gemeinschaft aus Fans, Extremsportlern und Gleichgesinnten dafür? Was muss der Film bieten, um auch für ein “normales” Publikum zugänglich zu werden und die Kinokassen zum Klingeln zu bringen?
“Ich denke, wenn der weitere Kontext des Erlebens vermittelt werden kann, dann ist ein Bergfilm auch für ein breiteres Publikum interessant. Manche Kletterdokus beispielsweise sind aber von vornherein für Kletterer gemacht – und das ist auch gut so. Wen man dann mit einem Film erreicht, hängt immer auch den Vermarktungsskills des Produzenten ab. Die Huber-Buam hatten beispielsweise schon vor dem Film (Anm.: Pepe Danquarts “Am Limit”) einen großen Namen. Ich bin mir sicher, dass der Film nicht so breit angenommen wäre, wenn die beiden davor noch weitgehend unbekannt gewesen wären. Es gibt eigene Vertriebe, die sich auf Extremsportfilm spezialisiert haben – und wie auch reine Bergfilmfestivals überleben diese in ihrer Nische auch ganz gut”, erzählt Matthias Aberer aus seiner Erfahrung als Organisationsmitglied des internationalen Berg- & Abenteuer Filmfestivals in Graz.
Zu den eher als “Blockbuster” zu
bezeichnenden Filmen zählt wohl Mount St. Elias von Gerald Salmina
und dessen Produktionsfirma Planet
Watch . Die 1,5 Millionen teure Produktion läuft seit Ende November mit
50 Kopien in den österreichischen Kinos. Günther Göberl
begleitete als Kameramann die österreichischen Extremskifahrer Axel
Nagelich, Peter Ressmann und den US-Amerikaner Jon Johnston bei ihrem Vorhaben,
den 5.489 Meter hohen Mount St. Elias zu befahren. Ein wahnwitziges Unternehmen,
denn wer runter will, muss zuerst einmal hinauf. Die Bedingungen waren extrem
schwierig, einmal musste sogar abgebrochen werden. Zu diesem Zeitpunkt war die
Mannschaft nicht einmal im Basiscamp sicher. Tagelange wütete ein
Schneesturm und die Crew musst buchstäblich um ihr Leben schaufeln, um
nicht vollkommen von den Schneemassen zugedeckt zu werden. Bei einem
ähnlichen Versuch 2002 verloren zwei Alpinschifahrer hier ihr Leben. Das
hört sich schon mal spannend an – und ist es größtenteils
auch. Die Bilder, die die mittlerweile mehrfach preisgekrönte Doku
vermittelt, sind atemberaubend. Und nicht selten entfährt dem Publikum bei
Nagelichs trockenen Kommentaren ein Lacher.
Der Tod als ständiger Begleiter
Der Reiz von Extremsportarten fürs Publikum ist wohl das Spiel mit dem Tod. Extremsportler und die beiden Kameramänner betrachten das eher als bewusstes Auseinandersetzen mit der Lebensgefahr, denn als hirnlose und selbstverliebte Adrenalin-Junkies sehen sie sich überhaupt nicht. Fakt ist: Der Tod ist ein ständiger Begleiter. Eine, die das am eigenen Leib erfahren musste, ist eben auch Karina Hollekim. Nach ihrem Abenteuer in Mali passierte bei einem relativ einfachen Sprung aus einem Flugzeug in der Schweiz ein Unfall. Der Fallschirm öffnete sich nicht, sie überlebte mit mehr als 20 Knochenbrüchen und einem Blutverlust von drei Litern nur knapp. Für den zweifachen Familienvater Göberl ist klar: “Je öfter man in Situationen ist, in denen irgendwas schief gehen kann – dann geht es irgendwann einmal auch schief.” Aus seinem Mund klingt das gar nicht mal pessimistisch, sondern realistisch. Als Kameramann wie auch als erfahrener Alpinist muss er letztendlich die Entscheidung treffen, ob er einen eventuell Millionen teuren Dreh durchzieht oder abbricht. Göberl weiß, dass der Druck auf einen Kameramann in solchen Situationen sehr hoch ist. Er hat schon mal in so einer Situation “Nein” sagen müssen, aber: “Diese Härte muss man erst mal lernen”, weiß Göberl. “Grundsätzlich ist man für sich und seine eigene Sicherheit selbst verantwortlich!”
INFO: www.mountstelias.com ; www.planetwatch.at ; www.speedraid.at ; www.felixbaumgartner.com
Autor: Rodja Pavlik
Bildquellen – mit freundlicher Genehmigung von: Foto 1:
Günther Göberl / Bezi Freinademetz. Foto 2: Matthias Aberer / privat.
Foto 3: Günther Göberl, Fatimas Hand, Mali: visualimpact.ch / Rainer Eder . Foto 4: Felix Baumgartner,
Taipeh 101 Tower – Stefan Aufschnaiter / Red Bull Photofiles . Foto 5:
Felix Baumgartner, Taipeh 101 Tower (nun ja, in Sprungweite) – Jörg
Mitter / Red Bull Photofiles .
Foto 6: “Speedraid” – Paul Guschlbauer. Foto 7: “Mount
St. Elias” – Planet Watch. 8. ““Beat Kammerlander
– Ein Leben in der Vertikalen” – Heli Putz – Outdoor Leadership .
Speedraid from mountainfilm on Vimeo.
In Kooperation mit celluloid Filmmagazin
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