Be Bud of it!
Web 2.0 hat sich zur großen Hoffnung für
unabhängige Filmproduktionen entwickelt. Mit einem
No-Budget-Dokumentarfilmprojekt über Bud Spencer machen Karl-Martin Pold
und Sarah Nörenberg die Probe aufs Exempel. Joachim Schätz interviewte
Regisseur Pold für das österreichische Magazin The Gap (nachzulesen in Ausgabe Nr. 107/2010
– der Artikel wurde freundlicherweise Indie-Stars.de zur Verfügung
gestellt).
Ein T-Shirt war schuld: Als FH-Student Karl-Martin Pold auf Italienurlaub Zwischenstopp in Neapel machte, fiel dem ortsansässigen Campingplatzbetreiber das Konterfei auf, das in flächig schwarzem Che-Guevara-Style auf Polds Leiberl gedruckt war: Bud Spencer, sprach der Neapolitaner Pold an, der wäre ja hier in der Stadt geboren. Und sein Boss, erzählte er weiter, sei mit Spencer immer noch gut befreundet.
Pold, der ein Thema für seine nahende Diplomarbeit suchte (Studium: Journalismus und Unternehmenskommunikation in Graz), kam ins Grübeln: Wenn sich über einen solchen Kontakt ein Interview mit seinem Kindheitsidol Bud Spencer höchstpersönlich arrangieren ließe… Nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass tatsächlich noch kein Dokumentarfilm existiert, der Kult und Vita von Bud Spencer gründlich nachgeht – trotz dessen anhaltender Popularität als prominente Nachmittagsfernsehen-Ikone zwischen Mitteleuropa und Südafrika, trotz eines verblüffend vielseitigen Lebenswandels als Profischwimmer, Film-Superstar, Flugunternehmer etc. etc. Diese Lücke, beschloss Pold, gehört geschlossen. Das Filmprojekt “Sie nannten ihn Spencer” war geboren.
Das war im Sommer 2008. Karl-Martin Polds Diplomarbeit – ein Konzept des Dokumentarfilms – ist inzwischen nicht nur fertiggestellt: Ein Exemplar davon hat er bereits persönlich an Bud Spencer übergeben.
Von Fans für Fans
Die Teilnahme von Carlo Pedersoli (so der bürgerliche Name hinter dem amerikanischen Pseudonym) an einem ausführlichen Filminterview ist nach zwei Treffen schriftlich fixiert, auch von vielen wichtigen Weggefährten des 80-Jährigen gibt es Zusagen. Gespräche mit dem Kindheitsfreund und Bestsellerautor Luciano De Crescenzo oder dem Komponisten Maurizio de Angelis (eine Hälfte der Spencer-Soundtrack-Hitlieferanten Oliver Onions ) wurden im April diesen Jahres abgedreht.
Dass Karl-Martin Pold und Sarah Nörenberg, die seit
vorigem Herbst als Produktionsmanagerin mit ihm zusammenarbeitet, so weit
gekommen sind – ohne Produktionsfirma im Rücken oder privilegierte
Kontakte zu den Medien –, verdankt sich vor allem einer gewieften
Verknüpfung von Marketing und Herstellung: “Sie nannten ihn
Spencer” ist vielleicht die erste österreichische Filmproduktion, die
das Internet als Aufmerksamkeitsmaschine, aber auch als Instrument der
Partizipation wirklich ernst nimmt – ein DIY-Film von Fans für Fans, nach den Regeln des Web
2.0.
Seit März 2009 lässt Pold in einem Blog Interessierte Schritt für Schritt an der Genese des Projekts teilhaben. Zugleich wird die Leserschaft (inzwischen verzeichnet man täglich 200 bis 300 Viewer) per Einträgen und Newsletter-Aussendungen um Hilfestellungen und Vorschläge aller Art gebeten, von Anekdotenwissen bis zu Übersetzungen und Interviewfragen. Kontakte zu den zahlreichen internationalen Fan-Communities hat Pold über Facebook und durch gezieltes Anschreiben von Portalen wie spencerhill.de aufgebaut. Eine Presseaussendung zeitgerecht vor Bud Spencers 80er im vergangenen Oktober führte zu Präsenzen in österreichischen Medien von “TV-Media” bis “Der Standard” und brachte eine Menge zusätzlicher Klicks.
Testballon
Social Network-Gurus und Creative Industries-Propheten wittern in solchen netzbasierten, fannahen Produktionsweisen die Zukunft des unabhängigen Films: Statt auf den kleinsten gemeinsamen Nenner möglichst vieler potenzieller Zielgruppen schielen zu müssen, könnten Filmprojekte per Web 2.0 spezifisch interessierte Communities bereits in Konzeption und Herstellung einbinden. Ein engagiertes Stammpublikum mit treffsicherer Mundpropaganda wäre dem Film dann sicher. Auf Webportalen wie IndieGoGo oder Kickstarter werben jetzt schon zahlreiche Filmkreative für Mitarbeit und (vor allem) finanzielle Beteiligung an ihren Projekten. Auch auf www.budspencermovie.com fehlt der Spenden-Button nicht.
Als Testballon für diese Art von Filmproduktion wirkt das Sujet Bud Spencer nachgerade prädestiniert: Zum einen existiert gerade im deutschen Sprachraum dank der legendären Schnodderdeutsch-Synchronfassungen von Spencers zahllosen Prügelkomödien eine gut organisierte wie hochmotivierte Fan-Gemeinde; zum anderen gehört Bud Spencer dank permanenten TV-Replays zu einer nostalgisch aufgeladenen, generationenübergreifenden Alltagskultur, die sich auch abseits von Radikal-Fantum per Social Networks elegant anzapfen lässt. (Wer wollte Bud Spencer denn nicht gleich per Knopfdruck liken, wenn man darüber stolpert?).
Partnerschaften
Ganz so einfach ist es aber auch nicht, die begehrte “Fan Power” zu melken. Das Vertrauen von Hardcore-Fans mit begehrten Kontaktdaten musste sich Pold beispielsweise erst durch kontinuierliches Arbeiten verdienen: “Das hat eine ganze Weile gedauert. Aber irgendwann haben auch die Skeptischen gemerkt, der bloggt regelmäßig, und der schreibt im Ernst eine Diplomarbeit über Bud Spencer.”
Auf Hilfeanfragen antworten bis heute zwar häufig dieselben paar Leute, aber der Pool an regelmäßigen Lesern wird konstant größer. Und die unentgeltliche Mitarbeit der Fans kann sich sehen lassen: Zwei Übersetzerinnen stehen inzwischen bei Recherche-Reisen und Telefonaten bei (Pold und Nörenberg sprechen kein Italienisch), eine andere Fanbekanntschaft bestückt den YouTube-Kanal mit Originalbeiträgen, ein IT-Spezialist programmiert gratis die neue Projekt-Homepage, die im Sommer online gehen soll. Neben der Biografie Spencers soll dann auch die aktuelle Fankultur in ihren extremeren Ausprägungen Gegenstand des Films werden: Zur nächsten großen Bud Spencer-&-Terence Hill-Convention im September in Halle an der Saale ist man schon eingeladen.
Über einen Fan kam Pold auch an die Telefonnummer
von Bud Spencers Büro. Zum persönlichen Treffen kam es dann aber erst
dank beherzter Frechheit: “Termine mit Spencer ausmachen funktioniert
nicht”, erzählt Pold. “Wir wissen von einem ungarischen
Fernsehteam, die haben drei Jahre gewartet, bis sie einen Termin für eine
Reportage bekommen haben. Also haben wir beschlossen, einfach zu seinem
Büro nach Rom zu fahren, und dort hineinzuschneien. Und er hat sich
wirklich eine Stunde für uns Zeit genommen.”
Das Kamerainterview mit Spencer, das das Kernstück des Films werden soll, ist für den Sommer geplant. Das Gespräch soll vor allem auch die Recherche noch einmal justieren helfen: Umstrittenes klären, neue Spuren legen, womöglich auf bislang unbefragte Personen hinweisen. “Es gibt so wenig seriös recherchiertes Material zu Bud Spencer, weil er auch immer nur dasselbe gefragt wurde”, so Sarah Nörenberg: “Sie waren Schwimmer? Wow! Und dabei ist es mehr oder weniger geblieben.” Derzeit ist auch beabsichtigt, einzelne Szenen aus Pedersolis Leben mit Darstellern nachzustellen (ein wenig wie im Trailer, der auf Vimeo oder YouTube steht): einer der heikelsten Kostenfaktoren in der Planung des Films.
Die andere dringliche Agenda neben dem Bud Spencer-Gespräch lautet deshalb auch: eine Produktionsfirma finden, mit der Pold und Nörenberg ihr Konzept durchziehen können. Von den gelegentlichen Fan-Spenden alleine lässt sich das Bud Spencer Movie nämlich genauso wenig finanzieren wie vom Verkauf einer limitierten T-Shirt-Edition. Das nötige Budget, um den Film nach eigenen Vorstellungen kinotauglich zu realisieren, schätzt Pold auf 500.000 bis eine Million Euro – keine kleine Summe für die Doku eines Jungfilmers, aber die internationalen Verwertungschancen sind vielversprechend. Am Treatment für eine “kleinere” Fassung wird sicherheitshalber ebenfalls gearbeitet. “Es haben schon einige Produktionsfirmen Interesse gezeigt. Aber uns ist wichtig, dass wir den Bezug zu den Fans, die den Film soweit gebracht haben, erhalten können”, betont Pold.
Ohne erfahrene Produktionsfirma an Bord kommt man aber nicht an Filmförderungen heran. Das Abklären der Rechte von verwendeten Musik- und Filmausschnitten (und notfalls die finanzielle Haftung für diese Zitate) überschreitet ebenfalls die Ressourcen des Zwei-Personen-Teams. Derzeit leben Pold und Nörenberg von Erspartem und betreiben die Arbeit am Film, plus minus Nebenjob, als Vollzeitberuf. Nur mit Elan und Kommunikationsgeschick lassen sich die Produktionsverhältnisse dann doch nicht umkrempeln. Man muss deswegen aber nicht gleich demütig werden. Pold: “Der Film wird gemacht, egal, was kommt.”
Aktuelle Entwicklungen und Fortschritte unter budspencermovie.wordpress.com bzw. www.budspencermovie.com bzw. Facebook
Zusatzinfo
Bud Spender – Ikone mit Biografie-Überschuss
Der Unterschied zwischen einem Star und einer Ikone? “Mein Opa kennt Brad Pitt nicht, aber mein Opa kennt Bud Spencer. Und mein zwölfjähriger Neffe kennt Bud Spencer auch”, erläutert Spencer-Dokumentarist Karl-Martin Pold.
Bud Spencer kennt man eben: König der G’nackwatschn; polterndes Gegengewicht zum geschmeidigen Terence Hill in zahllosen Prügelklamotten der 70er und 80er; beleibter Ruhepol im Euro-Trivialkino, der zuerst einmal verdutzt schaut, wenn chancenlose Gegner an seinem Rücken Möbelstücke zertrümmern, dann gemächlich zum Dampfhammer oder Hirnpreller ausholt.
Gegen Bud Spencers Biografie nehmen sich seine berühmten Slapstick-Schlägereien aber fast grau und wohlgeordnet aus: Der Fabrikantensohn wird 1929 als Carlo Pedersoli geboren und wächst zuerst in Neapel, dann in Rom und Lateinamerika auf. Zurück in Rom fokussiert Pedersoli ganz auf den Schwimmsport und wird achtfacher italienischer Meister im 100-Meter-Freistil. 1957 kehrt er der Sportkarriere plötzlich den Rücken, arbeitet für drei Jahre in Lateinamerika. Nach erneuter Heimkehr heiratet er und gründet eine Familie, betätigt sich als Schlagerkomponist, Publicity-Mann, TV-Produzent.
Erste Film-Kurzauftritte absolvierte Pedersoli seit 1951. Seine eigentliche Filmkarriere (und der Einsatz des Pseudonyms Bud Spencer) beginnt 1967 als bärbeißiger Protagonist im bitteren Italowestern “Dio perdona… Io no!”. Sein Gegenüber ist Jungdarsteller Mario Girotti alias Terence Hill. In den Blödel-Western “Die linke und die rechte Hand des Teufels” und “Vier Fäuste für ein Halleluja” avancieren die beiden Anfang der 70er zu den zugkräftigsten Kinostars in Mitteleuropa. Bis Mitte der 80er folgen weitere Komödienvehikel, gemeinsam und solo. Nebenbei macht Spencer seinen Flugschein, gründet eine Fluglinie, baut eine Kindermodenmarke auf und meldet einige Patente an, darunter eine elektrische Spielzeugmaus. 2003 gibt er einen melancholischen Piratenkapitän in Ermanno Olmis “Cantando dietro i paraventi” – Spencer zufolge seine erste echte Schauspielleistung –, 2005 tritt er erfolglos als Regionalkandidat für Berlusconis Forza Italia an. Derzeit ist er in der TV-Serie “I delitti del cuoco” als Restaurantbesitzer und Ex-Kriminalist zu sehen. Seine Autobiografie ist gerade auf Italienisch erschienen.
Autor: Joachim Schätz
Credits: Sämtliche Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt. Foto 2 (Sarah Nörenberg/Karl-Martin Pold, schwarz/weiß) von Klaus Pichler – www.kpic.at – restliche von Bud Spencer Movie (Karl-Martin Pold/Sarah Nörenberg). Trailer ebenfalls von Bud Spencer Movie.
Der Artikel wurde bereits im österreichischen Magazin “The Gap” 107/2010 – www.thegap.at – veröffentlicht. Abdruck ebenfalls mit freundlicher Genehmigung.
Sie nannten ihn Spencer – Trailer from budspencermovie on Vimeo.
Aktuelle Beiträge - Backgrounds
(21.08.2010) Schräg: Die 'Neue Massenproduktion' im Interview
(14.07.2010) Strizzis in 3.0
(19.08.2010) Instant News 87 - 19.08.2010
(19.06.2010) Be Bud of it!
(18.06.2010) Fatalis – ein 'Neo-Taxi Driver'
(07.06.2010) Kommentar: 'Filesharer sind Idioten'
(19.04.2010) KOPFSACHE ist der 100ste Film auf Indie-Stars.de
(22.06.2010) Instant News 86 - 22.06.2010
(19.02.2010) Instant News 85 - 19.02.2010
(06.02.2010) Urhebervergütung auf dem Vormarsch
(08.02.2010) Film: Night Of The Vampire Hunter
(30.12.2009) Instant News 84 - 30.12.2009
(21.12.2009) Extreme Bilder
(12.11.2009) Mit Bomben und Granaten
(13.11.2009) Instant News 83 - 13.11.2009
(03.11.2009) Für Filmschaffende: Die Krankengeldreform
(02.11.2009) Scenic Artists - Der Unterschied zwischen Sein und Schein
(19.10.2009) Film: Cut Character - Tödliche Trennung
(08.10.2009) Instant News 82 - 08.10.2009
(27.09.2009) Arbeitslosengeld & Filmbranche
(18.12.2009) Auch 'Auf bösem Boden' gedeiht die Saat

