14.07.2010 / 09:30 · rel="superbox[iframe.feedback][500x450]">Artikel weiterempfehlen

Strizzis in 3.0

Die Idee, ein Spielfilmprojekt als “Open Source Movie” zu gestalten, wird seit etwa drei Jahren von vier jungen Herren konsequent durch- und umgesetzt. Wolfgang Ritzberger hat die Initiatoren für das österreichische Magazin Media Biz (Nr. 161/Juni 2010) interviewt.

“Fakes”, so lautet der Arbeitstitel des Filmprojektes, der von einer Wiener Trickbetrügerbande erzählt. “Eine komödiantische Trickbetrügerei wie bei Ocean’s Eleven oder Snatch und das auf Wienerisch”, erklärt Daniel Kofler. Wobei die vier Herren – Marcus Weber, Jakob Rathmanner, Dan Borufka und Daniel Kofler – noch nicht wissen, wie ihr Film enden wird. Streng genommen ist es nicht mehr ihr Film, denn sämtliche Entscheidungen, ganz gleich ob sie die Regie, das Buch, die Dialoge oder die Technik betreffen, werden im Kollektiv entschieden, das mittlerweile mehr als 500 Beteiligte umfasst. Zwar machen alle nicht alles, aber dürfen überall mitsprechen. Und auch nicht alle 500 auf einmal, sondern immer nur in Gruppen, die auch die einzelnen Shootings betreuen und durchziehen.

Das große Fragzeichen auf der Stirn mündet sofort in die Frage: “Und ihr stimmt dann am Set ab, wie sich der Schauspieler bewegen soll?” Marcus Weber lächelt, ja so ähnlich funktioniere das: “Wir bestimmten vor dem Dreh eine Gruppe, deren Zusammensetzung letztendlich davon abhängt, wer zu den Drehterminen Zeit hat. Und dann verteilen wir innerhalb dieser Gruppe die verschiedenen Funktionen. Bei technischen Belangen versuchen wir, Profis dafür zu bekommen.” Die Wahl der “richtigen” Blende unterliegt also keiner Abstimmung, die Regieanweisungen aber schon. Und das funktioniert? “Ja sicher”, erzählt Weber, “es ist anders als beim professionellen Film, aber es funktioniert. Und Sie würden staunen, welch spannende Dinge sich dadurch ergeben.”

Der Kern der Truppe kennt einander von der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, wo sie den Studiengang Multimedia absolviert haben. Bereits auf der Schulbank waren sie von dem Wunsch beseelt, einen Spielfilm zu drehen. Da das Geld für derartige Vorhaben nicht auf der Straße liegt, haben die vier jungen Herren aus der Not eine Tugend gemacht und das Projekt “Open Source Movie”, kurz OSM genannt, geboren. Der Versuch, für ein derartiges Projekt Fördermittel aufzustellen, ging in der ersten Runde schief. Als echte Nachwuchs- und Experimentalfilmer sind sie beim Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur prompt abgelehnt worden. “Wir konnten einige formale Kriterien nicht erfüllen”, erklärt Weber die Ablehnung: “Wir haben ohne Crewliste, ohne fertigen Cast und ohne endgültiges Drehbuch nicht ins Schema gepasst.”

Was nicht bedeutet, dass die OSM-Truppe aufgibt. Gratis und nicht umsonst, lautet die Devise für Mitwirkende. Und nicht locker lassen, was die Förderungen betrifft! Knapp 60.000 Euro wären notwendig, so Weber, wenn das OSM mit dem derzeit gültigen Set-up weitergeführt wird. Obwohl sich namhafte Schauspieler bereit erklärt haben, ohne Gage mitzumachen, muss dennoch ein Teil der Produktionskosten aufgebracht werden. Schließlich muss das Benzin oder der laufende Betrieb des Produktionsbüros finanziert werden.

Gedreht wird übrigens mit einer Canon 5D Mark II, dem neuesten Foto/Video Hybrid, der es ambitionierten Filmern erlaubt, auf einem Fullsize HD-Chip zu drehen, ohne die Kasse leer räumen zu müssen. Etwa 2.200 Euro kostet das Gehäuse, die Optiken und das kameratechnische Zubehör spendiert zum Teil der Digitalstore in der Stiftgasse in Wien. Und weiteres Zubehör wird für den Dreh “organisiert”. Die ersten Dreharbeiten haben bereits stattgefunden. Volkstheaterstar Erwin Ebenbauer und seine Gattin brillieren, genauso brillant ist die technische Qualität der Aufnahmen. Die Nachwuchsfilmer können offenbar mit der Canon umgehen. Als Filmkamera ist sie zwar gewöhnungsbedürftig, eröffnet aber völlig neue Möglichkeiten: “Auf einem Einbeinstativ montiert, können wir die Kamera etwa auf der Autobahn einfach aus dem Fenster halten und drehen so aus einem extremen Blickwinkel, etwa knapp neben den Reifen”, zeigt sich Weber begeistert. Begeistert sind auch die Schauspieler wie Wolfgang Böck (“Trautmann”), Peter Simonischek (“Gebürtig”, “Jedermann” in Salzburg), Michael Niavarani (“Ein Augenblick Freiheit”, “Salami Aleikum”), Dirk Stermann (von Stermann & Grissemann) oder Roland Düringer (“Muttertag”, “Poppitz”), die alle ohne Gage in kleine Nebenrollen schlüpfen.

Wer mitmachen möchte, kann sich über www.opensourvemovie.org informieren oder zum wöchentlichen Jour Fixe pilgern: Jeden ersten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr im Europa Lager in der Zollergasse im siebten Bezirk, die restlichen Dienstage ebenfalls um 19.30 Uhr im siebten Bezirk in der Halbgasse 7 bei der Firma Fox Media Lab.

Anmerkung: Strizzi bedeutet auf Wienerisch Gauner oder Zuhälter.

Autor: Wolfgang Ritzberger

Credits: Sämtliche Fotos mit freundlicher Genehmigung von www.opensourcemovie.org

Der Artikel wurde bereits im österreichischen Magazin “Media Biz” (S 52, Nr. 161/Juni 2010) – www.mediabiz.at – veröffentlicht. Abdruck ebenfalls mit freundlicher Genehmigung.


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